Wahrnehmungsstörung oder sensorische Integrationsstörung

Alle Reize, die wir z. B. über die Haut, das Gehör oder den Blick aufnehmen, wird als Wahrnehmung bezeichnet. Die Verarbeitung dieser Reize im Gehirn kann bei Kindern deutlich unterschiedlich sein und unterschiedliche Auswirkungen haben. Sie hat ganz verschiedene Facetten und es muss heraus gefunden werden, ob das Kind im Sehen, Hören, Fühlen oder Riechen beeinträchtigt ist, oder sogar eine Kombination von mehreren Sinneseindrücken besteht.
Auch wie ein Kind die Reize aufnimmt, fällt unterschiedlich aus. So kann es entweder zu viele oder zu wenig Reize aus seiner Umwelt aufnehmen. Ein Kind, das zu viele Reize aufnimmt, ist von dieser Flut völlig überfordert. In diesem Fall sind Kinder häufig ängstlich und wie erstarrt.
Eine verringerte Wahrnehmung von Reizen hingegen führt dazu, dass Kinder unruhig werden, und sich in manchen Fällen sogar ein aggressives Verhalten zeigt. Sie suchen ständig nach neuen Eindrücken und Reizen, und können sich nur schwer auf eine Handlung konzentrieren. Die Kinder sind immer in Bewegung und können Gefahren schwer einschätzen.

Die auditive (Hör-) Wahrnehmungsstörung

Kinder mit einer auditiven Wahrnehmungsstörung hören anders. Sie nehmen z.B. ein normales Geräusch besonders laut war, oder können in einem Klassenzimmer zwischen wichtigen Reizen (Sprache der Lehrerin) und den unwichtigen (Autoverkehr draußen, Gespräche anderer Kinder) nicht unterscheiden/selektieren. Die Reaktionen darauf werden oft von den anderen Kindern nicht verstanden und sind nicht „nachvollziehbar“.
Meist zeigen sich die Auswirkungen im Bereich des Erlernen der Sprache und bei Problemen der Rechtschreibung.

Die visuelle (Seh-) Wahrnehmungsstörung

Kinder mit visuellen Verarbeitungsstörungen haben ein normales Sehvermögen, können jedoch die aufgenommen Sinneseindrücke nicht so gut wie andere Kinder verarbeiten bzw. Ihnen die richtige Bedeutung zuordnen.

Beispiele:

  • das Lesen fällt Ihnen schwer ( Buchstaben oft seitenverkehrt)motorisch ungeschickt und fallen bereits im Kindergarten dadurch auf, dass sie nicht malen, schneiden oder basteln mögen.
    Probleme in der Graphomotorik, schlechte feinmotorische Fähigkeit oder Probleme in der  Auge-Hand-Koordination und somit schlechte Handschrift, bleibt beim Schreiben nicht in den Linien Die Symptome zeigen sich vielfältig. Aufmerksam werden sollten Sie, wenn Ihr Kind sich häufig die Augen reibt oder über Augenbrennen klagt, den Kopf oder den ganzen Körper schiefhält und beim Lesen und Schreiben die Nase dicht übers Papier hält – und das, obwohl das Sehvermögen tadellos ist.

Die visuo-konstruktive (räumliche-) Wahrnehmungsstörung

Eine räumlich-konstruktive Leistung ist die Fähigkeit des Kindes einzelne Elemente einer Figur unter visueller Kontrolle zur richtigen Gesamtfigur zusammen zu fügen.
Diese Fähigkeit wird im Alltag häufig verlangt, von Kindern sehr früh entwickelt und normalerweise von selbst beübt (bei Konstruktionsspielen wie Lego oder Spiele mit anderen Bausteinen, beim Schreiben oder auch beim Basteln). Konstruktive Handlungen sind grundlegend um im Alltag zurechtzukommen – dazu gehört beispielsweise das Decken eines Tisches, richtiges Anziehen, lesbares Schreiben oder Arbeiten, bei denen etwas montiert oder zusammengebaut werden muss. Störungen der räumlich-konstruktiven Leistung sind bei Kindern häufig anzutreffen und können sich zu deutlichen Defiziten entwickeln.

Bei einer Störung der räumlich-konstruktiven Leistungen mangelt es an der Umsetzung der manuellen Ausführung.

Folgende Auffälligkeiten können gegebenenfalls im Alltag des Kindes beobachtet werden:

  • Buchstaben (vor allem „b“ und „d“) werden beim Schreiben vertauscht (nicht aber beim Lesen!)
  • Buchstaben werden beim Schreiben ausgelassen
  • Hilfslinien und Seitenränder in Heften können nicht eingehalten werden
  • Der Schulweg muss oft geübt werden und kann nicht rekonstruiert werden
  • Kinder malen ungern und haben Schwierigkeiten beim Ausschneiden, Basteln oder Lego spielen
  • Das Nachzeichnen von einfachen Objekten gelingt nur schwer
  • Konstruktive Spiele (Lego, Bausteine, Puzzle) werden vermieden
  • Die Wiedergabe von Größenverhältnissen ist herabgesetzt (auch die Einschätzung und das Beachten von Raumrichtungen über die 3D-Reproduktion)
  • Häufig ist auch die visuelle Merkfähigkeit für abstrakte und symbolische Zeichen (Schilder, Zahlen, Buchstaben, Formen) gestört
  • Nachzeichnen mit Gestaltzerfall oder minimalistischen Details
  • Kindern fällt es schwer, Linien oder Vorgaben (z.B.: vorgezeichnete Striche) in ihre eigenen Konstruktionen einzubauen

Die taktile (Berührungs-Körper) Wahrnehmungsstörung

Hierbei handelt es sich um eine Überempfindlichkeit auf taktile Reize. Es fehlt auch hier die Filter- und Schutzfunktion des Nervensystems, um die Kinder vor unwichtigen Reizen zu schützen und zu das Nervensystem zu entlasten. Da diese natürliche Hemmung fehlt, werden unvorhergesehene Berührungen als Bedrohung empfunden. Dies führt zu Weinen, Rückzug, Aggression u.s.w.
Kinder die Schwierigkeiten mit der Körperwahrnehmung haben, bemerken beispielsweise nicht, wenn ihnen zu heiß oder zu kalt ist, ihnen die Nase läuft, tragen gern lange Kleidung, laufen ungern barfuß, fassen unbekannte Materialien nicht gern an.
Häufig sind Kinder besonders im Kopf- und Gesichtsbereich empfindlich. Es gibt Probleme beim Haare waschen und schneiden. Auch kann es zu Problemen im Mundbereich kommen.

Die Kinästhetische Wahrnehmung – der Bewegungs-, Kraft- und Stellungssinn

Kinästhesie bedeutet Raum-, Zeit, Kraft- und Spannungsverhältnisse wahrnehmen. Die Reize für die Rezeptoren kommen nicht aus der Umgebung sondern aus dem eigenen Körper (z.B. Bewegung). Wir können unsere eigenen Grenzen wahrnehmen und eine Vorstellung von unserem Körper haben. Wir bekommen Rückmeldungen von unseren Muskeln und erhalten Informationen über die Stellung der Glieder zueinander und über die Spannungsverhältnisse im Körper.

Bereiche der kinästhetischen Wahrnehmung:

Stellungssinn: wir können uns (auch im Dunkeln) die Position unseres Körpers, die Stellung der Glieder und Gelenke vor Augen führen. Wir können uns vorstellen wie sich unser Körper im Raum befindet.
Bewegungssinn: Verändert man etwas an der Stellung/der Position verändert sich die Richtung und auch die Geschwindigkeit unserer Bewegung.
Kraftsinn: dieser hilft uns abzuschätzen wieviel Muskelkraft wir aufwenden müssen um eine Bewegung durchzuführen.
Spannungssinn: dieser gibt uns Informationen über unsere Muskelspannung und ist wichtig um Anspannung und Entspannung zu regulieren.
Meist geschehen diese Dinge unbewusst, außer beim Einüben neuer Bewegungen (bei sportlichen Übungen beispielsweise, aber auch beim musikalischen Üben) denkt man bewusst über einzelne Bewegungsabläufe nach.
Sehr eng verbunden ist die kinästhetische Wahrnehmung mit der taktilen Wahrnehmung. Berühren ist meist auch ein „Festhalten“, „Drücken“, „Pressen“ eines Gegenstandes. Das Fühlen ist also mit Bewegung verbunden.
Beispiele bei Problemen mit der kinästhetischen Wahrnehmung:

  • Bevorzugung von Routinen 
– Sturheit und Unflexibilität 
– Ungeschicklichkeit 
– häufige Missgeschicke 
– starkes Jammern bei geringfügigen Verletzungen vs. Nichtwahrnehmung von Schmerzen – Vermeidung von Anforderungen 
- Bewegungen sind häufig ungenau, langsam, unkoordiniert und ungeschickt; 
automatisierte Bewegungen sind erschwert 
– Abänderung oder Erweiterung von Bewegungsabläufen ist schwierig – Probleme beim (eigenständigen) Anziehen 
– Unordentlichkeit 
– Unselbstständigkeit 


Auswirkung von Wahrnehmungsverarbeitungsstörungen

Unsere Sinnessysteme stehen in Wechselwirkung zueinander und greifen oft ineinander über. Daher betreffen Störungen in einem Sinneswahrnehmungssystem häufig auch andere Systeme. Wahrnehmen ist ein ganzheitlicher Prozess, bei dem alle Sinnessysteme zusammenarbeiten und sich gegenseitig beeinflussen. Vestibuläre, taktile und kinästhetische Wahrnehmungssysteme bilden die „Basissinne“ eines Menschen. Sie ermöglichen den Aufbau eines Körperschemas, mit dem das Individuum Wissen um Ausmaße, Fähigkeiten und Grenzen des eigenen Körpers erlangt. Störungen dieser Systeme erschweren die Ausbildung des Körperschemas, dies führt u.a. zu einer Beeinträchtigung der Identifikation mit dem eigenen Körper.
Wahrnehmungsverarbeitungsstörungen haben für betroffene Kinder nicht nur Folgen im Bereich der motorischen oder sprachlichen Entwicklung, sondern auch im Bereich der emotionalen Entwicklung. Da betroffene Kinder bei vielen ihrer Tätigkeiten eingeschränkt sind, leiden sie unter ihren Misserfolgen.
Eine intakte sensorische Integration ist die Basis aller Lern- und Entwicklungsprozesse, da sie wichtig für die Funktionen wie Gedächtnis, Sprache, Motorik, Körperempfinden, Konzentration, Ausdauer und nicht zuletzt für das Lesen, Rechnen und Schreiben ist. Das heißt, nur wenn alle Sinne optimal zusammenarbeiten kann eine gute Entwicklung kognitiver Leistungen stattfinden.

Therapie von Wahrnehmungsverarbeitungsstörungen

Die Installierung therapeutischer Maßnahmen hängt stets von der Art, der Ausprägung und dem Kind ab, das heißt, therapeutische Maßnahmen sind im Einzelfall zu entscheiden und umzusetzen. In der Regel sind Wahrnehmungsverarbeitungsstörungen multi-therapeutisch zu behandeln (u.a. fachärztliche Behandlung und Betreuung, Ergotherapie, Physiotherapie, Logopädie, Heilpädagogik, Psychologie, Lerntherapie usw.). Auch die Dauer und Häufigkeit von therapeutischen Maßnahmen hängt vom Einzelfall ab.

Hilfen im Alltag

  • Verstehen, wie das betroffene Kind seine Umwelt wahrnimmt und wie sich die Störung auf sein Empfinden auswirkt
  • Schaffen von klaren und eher reizarmen Räumen hilft den betroffenen Kindern, sich auf das zu konzentrieren, was von ihnen gefordert wird (z.B. Sitzplatz in der ersten Reihe, Vermeidung vieler ablenkender Geräusche bei kognitiven Tätigkeiten – ruhiger Arbeitsplatz u.s.w
  • Reduzierung der Reize in der Alltagsumgebung 

  • Veränderung der Zeitgestaltung für die Ausübung von Tätigkeiten (z.B. mehr Zeit, 
mehr jedoch kürzere Zeiteinheiten des Übens usw.)

  • vermehrtes und gezieltes Einplanen von Pausen, Einplanen von Bewegungseinheiten
Ausprobieren verschiedener Lernstrategien 

  • Anpassung des Schwierigkeitsniveaus an das Symptombild des Kindes 

  • Förderung von Routinen und Gewohnheiten, Geben von Struktur und Klarheit 

  • Klarheit in der Kommunikation
  • eindeutiges Vorgeben von Regeln und Grenzen bei konsequenter Umsetzung 

  • Förderübungen in den Alltag integrieren (Essen zubereiten – Obst schälen, 
Gartenarbeit, Handwerk, Rhythmik und Musik, Sport usw.)